Ein Ensemble, das die Bühne verlässt, um das Theater dorthin zurückzubringen, wo es herkommt: mitten unter die Menschen.
Stellen Sie sich einen Marktplatz vor. Verkehr, Betriebsamkeit, jemand sucht einen Parkplatz. Und dann, wie aus dem Nichts, erhebt sich ein Schauspieler über die Köpfe der Passanten — ohne Bühne, ohne Mikrofon, ohne Scheinwerfer. Nur eine Geste. Wenn sie sitzt, gehört ihm der Platz. Wenn nicht, scheitert er vor aller Augen.
Genau darin liegt die Kunst der Stelzer.
Die kleinste Bühne der Welt
Das Ensemble verzichtet bewusst auf alles, was modernes Theater sonst trägt: keine Tontechnik, keine Kulissen, keine Effekte. Was bleibt, sind Requisiten wie vor tausend Jahren — Stöcke, Masken, Flüstertüten, hohe Schuhe. Und die Stelzen, auf denen die Schauspieler bis zu zwei Meter über dem Boden agieren.
Eine Stelze ist die kleinste Bühne, die man sich denken kann: eine Standfläche, nicht größer als ein Schuh. Und doch stellt sie den Schauspieler mitten ins Publikum, auf Augenhöhe mit dem ersten Stock. Der Zuschauer steht nicht davor, er steht mittendrin — und wird Teil der Aufführung, ob er will oder nicht.
Das hat einen Preis: absolute Körperbeherrschung. Und ein Risiko, das kein Bühnentheater kennt. Auf dem Marktplatz ermahnt kein Glockenklang zur Ruhe. Ein Hund bellt, ein Kinderwagen versperrt den Weg, eine Mutter fängt ihr losstürmendes Kind. Wer hier spielt, muss jederzeit mit dem Unerwarteten rechnen — und es im selben Moment in Theater verwandeln.
„Wie aus dem Nichts, ohne Bühne und ohne technische Verstärkung agieren die Schauspieler auf Stelzen und erschaffen große Theaterräume, wo sonst Verkehr und Betriebsamkeit herrscht." Süddeutsche Zeitung
Von München nach Landsberg — und zu einem eigenen Genre
Die Wurzeln reichen ins Freie Theater München, in die Arbeit von George Froscher und Kurt Bildstein. 1983 begann die Gruppe in Landsberg als „Lechwehrtheater". 1994 gab sie sich den Namen, der bis heute gilt: „Die Stelzer" — von nun an leitete Wolfgang Hauck das Ensemble. Ab 1999 folgte der Ausbau der professionellen und internationalen Arbeit, zunehmend gemeinsam mit Peter Pruchniewitz.
Was als Straßentheater begann, wuchs zu einem eigenen Genre: „Theater auf Stelzen". Die Produktion „Rheingold – Die Götter lachen laut" (Premiere 2008) sprengte den Rahmen des üblichen Straßentheaters. Im August 2010 spielten die Stelzer Wagner im Rahmenprogramm der Salzburger Festspieleröffnung; 2013 bespielten sie die Eröffnung des neuen Musiktheaters Linz.
„Die Stelzer machen Theater, Welttheater: Frech, frivol, skurril, sinnlich, spektakulär." Frankfurter Rundschau
▶ Rheingold – die Götter lachen laut (Video)
Doch die überraschendste Wendung dieser Geschichte hat mit Straßentheater nichts mehr zu tun — sie führt in ein Flüchtlingslager an der türkisch-syrischen Grenze.
Medien in der App: Interviews mit Wolfgang Hauck und Peter Pruchniewitz, mit Schauspielerinnen und Schauspielern sowie Wegbegleitern · Bildergalerien · 360-Grad-Rundgang durch die Ausstellung „20 Jahre Die Stelzer"
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Mehr über das Ensemble: dieStelzer.de